neuron
Bleistift auf Papier, Wachs
2006
29 x 19 cm
La compra ilegal
Bleistift auf Papier, Wachs
2006
32,5 x 25 cm
I was a man
Bleistift auf Papier, Wachs
2006
27,5 x 19 cm
Aparición
Bleistift auf Papier, Wachs
2006
29 x 19 cm
El Genio de la botella
Bleistift auf Papier/Wachs
2006
24 x 16,5 cm
Supay
Bleistift auf Papier/Wachs
2006
29 x 19 cm
Ghost
Bleistift auf Papier, Wachs
2006
32 x 24 cm
Regando las matas
Bleistift auf Papier, Wachs
2006
25 x 16,5 cm
Slave route
Bleistift auf Papier, Wachs
2006
29 x 19 cm
Like a mask
Bleistift auf Papier, Wachs
2006
20 x 13 cm
Kibbah Haus
Bleistift auf Papier, Wachs
2006
32,5 x 25 cm
Wo ist Rotkäppchen?
Bleistift auf Papier, Wachs
2006
32,5 x 25 cm
"Secret of you hair" Galerie Rupert Pfab, 2006
Ausstellungsansicht mit Arbeiten von Sandra Vásquez de la Horra
"Secret of you hair" Galerie Rupert Pfab, 2006
Ausstellungsansicht mit Arbeiten von Sandra Vásquez de la Horra
Emotion und Leidenschaft.
Das Rätselhafte im Werk von Sandra Vásquez de la Horra
In einer Zeit der ultrarapiden Kommunikation, in der das aktuelle Bewusstsein vom Zusammenwachsen der Welt zu einem einzigen Geflecht aus schnellen Transaktionen geprägt wird, in der alle Regionen auf dem Planeten ungeachtet ihrer physischen und kulturellen Abstände voneinander in eine virtuelle Gleichzeitigkeit versetzt werden, in der ultraschnelle Nachrichtentechniken unseren Alltag dominieren, erfordert die Betrachtung der Zeichnungen von Sandra Vásquez de la Horra Zeit. Viel Zeit. Ein schnelles Erfassen der Bilder ist nicht möglich. Ihre Darstellungen entstehen aus einer tiefen inneren, nahezu kontemplativen Ruhe.
Die Motive stellen ein seltsam vertrautes und zugleich skurriles Universum dar. Es gibt Figuren, die Fabeln und Märchen entlehnt sind ebenso, wie Darstellungen, die ihren Ursprung in Naturreligionen oder im südamerikanischen Katholizismus haben. Vásquez ist in ihren Zeichnungen zugleich Anthropologin, Ethnologin und Mythologin. 1967 in Chile geboren, wo sie ihre Kindheit verbracht hat, trägt sie die Poesie ihrer Heimat ebenso in sich, wie die Mythen von Indianervölkern Südamerikas, mit denen sie lebte, präsentiert sie bizarre Welten. Oft blitzt Humor hervor, manchmal aber auch Bedrückendes, etwa wenn sie Alpträume oder Folter thematisiert.
Auch wenn Vásquez' Zeichnungen formal relativ einfach und klar aufgebaut sind - die dargestellten Wesen sind fast immer in der Bildmitte positioniert, - resultiert die Komplexität nicht allein aus der Wahrnehmung, als vielmehr aus dem Konflikt des Sehens und Nichtwissens um die dargestellten Dinge. Der Betrachter spürt, daß ihm kein bloß fiktionales Konstrukt vor Augen steht, sondern etwas mit weitreichender Referenz auf Außerbildliches.
Vásquez' Geschöpfe können schweben oder taumeln oder einfach nur gehen. Sie können uns mit ihrem Blick fixieren, uns eine derbe Sexualität vor Augen führen, können kindlich-zart oder martialisch-aggressiv sein. Die Bilder können Heiligenfiguren ebenso zeigen, wie Wesen, deren Herkunft in Naturreligionen liegt oder einer Phantasiewelt entstammen. So zerbrechlich, wie sich diese räumlich nicht verankerten Wesen ausnehmen, so leise und doch intensiv wirkt ihre Aura.
Um ihre Bilder zu formulieren reichen der Künstlerin in der Regel Bleistift und Papier. Selten arbeitet sie mit Farbe. Meist sucht sie älteres Papier, das leicht vergilbt ist, bisweilen auch ausgefranste Kanten aufweist, also eine Vorgeschichte und ein Eigenleben hat. Die fertigen Zeichnungen werden in flüssiges Bienenwachs getaucht, dessen helles Gelb an Pergament erinnert. Zudem erhalten die Blätter durch die festigende Wirkung des Wachses Objektcharakter. Das Papier zeigt also durch die Nutzungsspuren und das Wachs seinen materiellen Körper und hat seine eigene stoffliche Qualität. Die Papierauswahl ist wesentlicher Teil des künstlerischen Konzepts.
Die Handschrift der Zeichnerin verläuft immer vorsichtig tastend, sie ist behutsam auf der Suche nach sich selbst und offenbar von keinem vorgefassten Formplan gesteuert. Oder wie Jean-Christophe Ammann es formulierte: „Sandra Vásquez de la Horra verlagert das, was der zeichnerische Prozess an Tonalität erzeugt, in eine inhaltliche Dimension: Das Motiv selbst wird zum Resonanzkörper. Ahnung wird gegenwärtig. Das Gegenwärtige generiert sich aus der Erinnerung, erhält eine Schärfe, die unvermutet abdriften kann. Aber die dem Abdriften eingeschriebenen Zeichen machen Gegenwärtiges unerbittlich.“ So verschmelzen die zeichnerische Technik und die Bildinhalte zu einem stimmigen Klang, wobei gleichzeitig die Zartheit der Wachsschicht, die über die Blätter gelegt wird, meist in krassem Gegensatz zum Bildgegenstand steht.
Die Faszination für die Nähe zum Bildgegenstand, die die Betrachtung von Zeichnungen immer erfordert, empfand ich, als ich im Herbst 2005 erstmals die Zeichnungen von Sandra Vásquez de la Horra sah. Es war bei einem Besuch im Atelier der Künstlerin, auf die mich ein befreundeter Künstler hingewiesen hatte. Ich war emotional berührt, fasziniert und aufgewühlt, ohne zunächst die Bildsprache und das rätselhafte Universum der Bildwelt dieser vielen hundert Blätter zu verstehen.
Die überwiegende Zahl der Zeichnungen ist inhaltlich nicht zu entschlüsseln, da sich das Dargestellte jeder ikonographischen Deutung entzieht. In den Bildern finden sich Phantasiewesen, thematisierte Ängste, visualisierte (Alp)träume, Erinnerungen, bisweilen auch Skizzen, die die Bedeutung von Tagebucheinträgen haben.
Und diese zahlreichen Arbeiten, die sich nie ganz erklären, die rätselhaft bleiben, machen den zentralen Charakter und den Reiz des Werkes aus. Das Gezeigte und Gezeichnete bleibt für den Betrachter im Verborgenen, es klärt sich nie ganz auf. Es bleibt rätselhaft. Ines Wiskemann schrieb im Katalog der Ausstellung Kava Kava. Facetten der Angst, (Kunstmuseum Mülheim, 2007): „Gleichzeitig beinhalten die Werke archetypische Bilder, die den Betrachter auch ohne Vorwissen unmittelbar berühren. Mehrmals tauchen Abbildungen von Gehängten auf, teilweise gesichtslose Menschen, die nicht nur für ein individuelles Schicksal stehen, sondern universelle Symbolkraft besitzen.“
Sandra Vásquez' Bilder sind stets Einzelbilder. Es gibt keine zusammenhängenden Serien, gleichwohl gruppiert sie sie bisweilen in thematische Werkblöcke - man denke nur an die Militärthemen oder die Blätter mit Bezug zur Auseinandersetzung mit der Pinochet-Diktatur, die sie als junge Frau erleben musste. Das Werk dieser Künstlerin belegt die Aktualität der Zeichnung, die sich über Jahrtausende hinweg als das effizienteste Medium erwiesen hat, um neue Ideen und Visionen zu skizzieren. Das Spannende bei Sandra Vásquez de la Horra ist, sich ihrer Gedankenwelt zu nähern, um ihre Kultur zu erschließen und ihr Werk zu verstehen.
Rupert Pfab, Juni 2007